ISO 20022

ISO 20022 Migration: Warum es nicht nur den einen Weg gibt

In den kommenden drei Jahren stellen einige der weltweit führenden Clearinghäuser wie auch SWIFT auf einen neuen Nachrichtenstandard für Zahlungen um: ISO 20022. Die stufenweise Migration sollte allerdings für europäische Unternehmen kein aufwendiger Prozess sein. Insights sprach mit Dr. Roland Nehl, Programm-Manager bei der Commerzbank, über die Möglichkeiten, die Unternehmen bei der Migration auf ISO 20022 haben.

Dr. Nehl, welche wichtigen Termine müssen europäische Unternehmen bei der Migration auf ISO 20022 beachten?

Dr. Roland Nehl, Programm-Manager

Viele der weltweiten Infrastruktur-Provider im Zahlungsverkehrsmarkt (Payment market infrastructure, PMI) vollziehen derzeit tiefgreifende Veränderungen – die Umstellung auf ISO 20022 ist nur eine davon. Man kann sich also leicht im Detail verlieren.

Die erste Deadline für europäische Unternehmen ist im November 2022: der „Big Bang“ für die ISO 20022 Migration. Dann migrieren Europas größte Clearingsysteme für Großbeträge, TARGET2 (Eurosystem) und EURO1 (EBA Clearing), auf den Nachrichtenstandard ISO 20022. Das Eurosystem hat vorgeschlagen, TARGET2 und TARGET2-Securities (T2S) bis dahin zu konsolidieren und durch ein neues Echtzeit-Bruttoabrechnungssystem (Realtime gross settlement system, RTGS) zu ersetzen, das ISO 20022 Nachrichten nutzt.

SWIFT, das globale Zahlungsnetzwerk, wird seine Migration ebenfalls Ende 2022 starten.

Ausgewählte Clearingsysteme und ihr Weg zu ISO 20022

Clearingsysteme Beschreibung der Umstellung Zeitplan
TARGET2 Großbetragszahlungen in EUR, einziger Zugang zu EUR-Zentralbankgeld; Big-Bang-Ansatz November 2022
EURO1 Großbetragszahlungen in EUR; Big-Bang-Ansatz November 2022
SWIFT CBPR+ „Cross-Border Payments and Reporting Plus“ in jeder Währung über das Korrespondenzbankennetz Ende 2022 bis 2025
CHAPS GBP-Großbetragszahlung, Zugang zu GBP-Zentralbankgeld Frühjahr 2022; Like-for-Like-Ansatz*
H1 2023; ISO 20022 komplett
CHATS RTGS-System in Hongkong Oktober 2023 (evtl.)
CHIPS, Fedwire USD-Clearings Voraussichtlich 2023/2024

Anm.: Like-for-Like bedeutet: Die Felder vor und nach der Migration sind ohne Informationsverlust ineinander überführbar.

Darüber hinaus sind – je nach gesetzlichen Vorgaben – weitere Fristen zu beachten. Das Kommunikationsprotokoll der Deutschen Kreditwirtschaft, das sogenannte DFÜ-Abkommen, wird für in Deutschland ansässige Unternehmen das Nachrichtenformat ISO 20022 zum Auslösen von Zahlungen nicht vor November 2022 übernehmen. Noch bis 2025 unterstützt das DFÜ-Abkommen das inländische Zahlungsauslösungsprotokoll (DTAZV) sowie MT94x-Formate (elektronischer Kontoauszug).

Sind diese gestaffelten Zeitpläne eine Herausforderung für den Zahlungsverkehr von Unternehmen?

Theoretisch führen diese unterschiedlichen Fristen zu einem Flickenteppich von Standards, die für geraume Zeit nebeneinander bestehen und durchaus gravierende Auswirkungen haben könnten. Aus operativer Sicht kann das Abschneiden von Daten zu einem echten Problem werden.

Der Grund für dieses Problem ist ganz einfach: Der übliche Nachrichtenstandard MT940 lässt beim Verwendungszweck in jedem der vier Felder 35 Zeichen zu – bei ISO kann er bis zu 9.000 Zeichen umfassen. Erhält nun ein nicht-ISO-fähiger Begünstigter Zahlungsinformationen im ISO-Format, kann es passieren, dass diese Angaben verkürzt und unvollständig sind. Im Allgemeinen enthalten die ISO 20022 Datenelemente ausführlichere Angaben, die im alten Nachrichtenstandard nicht dargestellt werden können.

Im ersten Schritt sollten sich in Deutschland ansässige Unternehmen fragen, welchen geschäftlichen Nutzen der Zugriff auf den vollen Datensatz bietet. Unternehmen, die Vorteile erkennen, können sich frühzeitig für die Übernahme des CAMT-Formats entscheiden, während andere bis 2025 damit warten – dann geht aber kein Weg mehr daran vorbei.

Wie sollten Unternehmen die Migration auf ISO 20022 angehen?

Es ist verständlich, dass einige Unternehmen zurückhaltend sind, wenn sie mit möglicherweise komplexen ISO 20022 Migrationsprozessen zu einem Zeitpunkt beginnen sollen, an dem sie mit vielen anderen drängenden Problemen beschäftigt sind. Aus diesen Gründen berücksichtigen Bankpartner wie die Commerzbank die Herausforderungen, denen Unternehmen gegenüberstehen, und beraten sie dann entsprechend zu dem im Einzelfall passenden ISO 20022 Ansatz.

Auch wenn wir Unternehmen grundsätzlich empfehlen, sich mit den operativen Vorteilen von ISO 20022 zu beschäftigen: Es gibt durchaus Alternativen zu einer von Anfang an vollständigen Migration auf ISO 20022. Im aktuellen Umfeld ist es aus unserer Sicht angebracht, sämtliche zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu prüfen und sich dann für die ISO 20022 Migration zu entscheiden, die am besten zum Unternehmen passt. Konkret heißt das: Unternehmen könnten in Erwägung ziehen, nur die erforderlichen infrastrukturellen Änderungen vorzunehmen, um datenreiche ISO 20022 Zahlungen zu erhalten.

Die Migration auf ISO 20022 zur Auslösung von Zahlungen kann je nach gesetzlichen Vorgaben sehr viel später erfolgen. Nach heutigem Stand wird DTAZV in der deutschen Wirtschaft bis 2025 operativ bleiben. Eine aufgeschobene Migration beim Auslösen von Zahlungen ist daher ebenfalls eine in Betracht zu ziehende Option.

Wird die ISO 20022 Migration für alle Unternehmen gleich aussehen?

Es ist wichtig zu wissen, dass es für die ISO 20022 Migration nicht nur den einen Weg gibt. Letztlich kann man sich den Nachrichtenstandard am besten als eine Enzyklopädie vorstellen, die alle erforderlichen Informationen enthält, die ein Unternehmen für die Übermittlung datenreicher Zahlungen benötigt. Aber nicht jeder Artikel in jedem Band der Enzyklopädie ist für jeden Leser gleich wichtig. Zudem braucht nicht jedes Unternehmen alle ISO 20022 Datenfelder.

Vor diesem Hintergrund können Unternehmen nicht alle, sondern nur die für sie relevanten Felder übernehmen. Welche Felder tatsächlich relevant sind, klären sie am besten im Rahmen einer umfassenden Beratung durch ihre Hausbank sowie im Gespräch mit Geschäftspartnern und Technologieanbietern. Auf dieser Basis können dann Finanz- und Zahlungsexperten die notwendigen Änderungen in die Enterprise-Resource-Planning (ERP)-Systeme implementieren.

In der nachstehenden Übersicht haben wir zusammengestellt, welche Datenfelder aus unserer Sicht am häufigsten von Unternehmen genutzt werden.

Relevanteste Datenfelder

Feldname ISO 20022 (MX-Format) ISO 15022 (MT-Format)
Verwendungszweck (remittance information) Daten können, falls gewünscht, in einer XML-Struktur dargestellt werden.

In der MX-Struktur ist die Zeichenbegrenzung viel länger – bis zu 9.000 Zeichen ohne XML-Tags.
In der MT-Struktur ist die Datenlänge auf vier Felder mit jeweils 35 Zeichen begrenzt.
Endgültiger
Zahlungsempfänger/
Endgültiger
Zahlungspflichtiger (Ultimate Creditor /
Ultimate Debtor)
Angaben zu den sogenannten Parteien Kein entsprechendes Feld in der MT-Struktur
Adressangaben Können als umfassende, granulare Daten in einer XML-Struktur für alle beteiligten Parteien, z. B. Zahlungspflichtiger, Zahlungsempfänger und alle Arten von Vertretern, dargestellt werden Flexibilität beim Ausfüllen der betreffenden Felder; diese Felder sind, verglichen mit MX, unstrukturiert.
Rechtsträger-Kennung
(Legal Entity Identifier – LEI)
Die beteiligten Parteien und Vertreter können über ihre jeweiligen LEI identifiziert werden. Dabei handelt es sich um eine global eindeutige Kennung für an Finanztransaktionen beteiligte juristische Personen Kein entsprechendes Feld in der MT-Struktur
End2End-Kennung Ein eigenes Feld, das von keiner der Parteien in der Transaktionskette abgeändert werden kann Kein entsprechendes Feld in der MT-Struktur
Category
Purpose/
Purpose Code
Enthält globale Angaben zu der Transaktion Kein entsprechendes Feld in der MT-Struktur

Glauben Sie, dass es Ausnahmen von diesem Ansatz geben kann?

Einige Unternehmen werden sich für eine Big-Bang-Migration entscheiden, was wir natürlich begrüßen. So kann die Evaluierung zu dem Ergebnis kommen, dass sich bei einem „Big Bang“ größere Kosten- und Effizienzvorteile ergeben. Dann ist auf jeden Fall die Migration auf ISO 20022 sowohl für ausgehende als auch eingehende Zahlungen (mit vollständiger Integration in Backoffice-Prozesse) vorzuziehen. Die Alternative besteht darin, dafür zu sorgen, dass CAMT-Daten (elektronischer Kontoauszug MX, entsprechend MT940x) empfangen werden können – und erst zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Versenden von datenreichen Zahlungen zu beginnen. Dieser Ansatz ist, wie erwähnt, nur bis 2025 möglich.

Wie unterstützt die Commerzbank ihre Firmenkunden bei der ISO 20022 Migration?

Bei der Commerzbank stehen wir unseren Kunden bei jedem Schritt auf diesem Weg zur Seite – ganz gleich, ob ein Unternehmen noch überlegt, welchen Ansatz es wählt, oder ob es bereits mitten im Implementierungsprozess steht.